Die Auswirkung der Vaterlosigkeit auf das Werk Wolfgang Koeppens und Thomas Bernhards

Autor
Wojtczak, Emilia
Promotor
Małecki, Robert
Data publikacji
2023-06-20
Abstrakt (PL)

Die Dissertation hat zum Ziel auf der Grundlage der literarischen Werke der deutschsprachigen Autoren Wolfgang Koeppen und Thomas Bernhard zu erforschen, inwiefern dieser tragische Lebensumstand Unbilden und Kränkungen hinterlassen hat. Die Abhandlung möchte darlegen, in welcher mehr oder weniger latenten Weise bzw. in welchem Maß die Vaterentbehrung sich auf die Persönlichkeitsentwicklung der Schriftsteller ausgewirkt und damit auch in der Gestaltung der Figuren ihrer Romane und literarischen Schriften widerspiegelt. Es gilt, diese beiden Seiten der Vaterlosigkeit gegeneinander abzuwägen wie auch in Beziehung zu setzen. Entscheidend ist dabei die Perspektive: nicht die Autoren selbst, nicht deren Lebensläufe sollen im Zentrum der Untersuchung stehen – sie fungieren lediglich als Hintergrundfolie –, vielmehr die fiktiven Gestalten in den Werken der ausgewählten Schriftsteller sind der maßgebliche Gegenstand der Forschungsarbeit. Im Zentrum der Arbeit, die forschungspraktisch die Psychoanalyse als ihr methodologisches Instrument gewählt hat, stehen zwei grundlegende Fragen: Inwieweit ist es möglich, auf der Grundlage der literarischen Werke der Autoren Thomas Bernhard und Wolfgang Koeppen, Bedingungen für eine psycho-soziologische Analyse hinsichtlich des fehlenden Elternteils auszuloten? Und welche Unterschiede zeigen sich hinsichtlich des Aspekts der Vaterlosigkeit bei beiden Schriftstellern? Die Promotionsschrift ist in zwei Teile unterteilt, in einen theoretischen, der die Forschung zur Vaterlosigkeit beleuchtet und drei Kapitel umfasst, sowie in einen praktischen Teil, der die Theorie auf die literarischen Werke anwendet. Im ersten Kapitel werden die Kernthesen der Dissertation vorgestellt, das methodische Vorgehen und der Forschungsstand werden erläutert. Im zweiten Kapitel wird die Relevanz des Vaters in der Kernfamilie soziologisch und geschichtlich betrachtet. Es wird die Sekundärliteratur ab den 1970er Jahren bis zur Gegenwart berücksichtigt. Auch wird die Vaterlosigkeit auf der psychologischen Ebene erforscht, wobei hier oft der empirische Charakter zum Vorschein kommt. Im dritten Kapitel werden die drei Funktionen des Vaters nach Lacan präsentiert: symbolischer, imaginärer und realer Vater. In dem zweiten Teil der Dissertation und somit dem vierten Kapitel wird das Werk Bernhards unter soziologischen Gesichtspunkten, im Spiegel der Lacanschen Vaterfunktionen und der Psychoanalyse einer Analyse unterzogen. Mit denselben Verfahren untersucht das fünfte Kapitel das Werk Koeppens. Mit beiden Kapiteln wird – im Anschluss an Fragen der Konzeption – nunmehr die Absicht verfolgt, die zentralen sozio-psychologischen Thesen im Literaturverständnis der beiden Autoren herauszustellen, um vor diesem Hintergrund ihre fiktionalen Texte zu vergleichen. Das sechste Kapitel stellt die Quintessenz der Forschungsarbeit dar, indem es die Resultate der Analyse aus den Kapiteln vier und fünf vergleicht und bewertet. Im siebten und letzten Kapitel werden in einer Zusammenfassung die Schlussfolgerungen aus der vorliegenden Analyse gezogen. Die Analyse des Werks von Thomas Bernhard berücksichtigt alle Romane, das sind Frost, Verstörung, Das Kalkwerk, Korrektur, Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind, Beton, Der Untergeher, Holzfällen. Eine Erregung, Alte Meister. Komödie sowie Auslöschung. Ein Zerfall. In all diesen Romanen finden sich Figuren, deren Lebensläufe so wie psychische Kondition eine Analyse im Hinblick auf das Thema Vaterlosigkeit sinnvoll erscheinen lassen. Nicht minder wichtig sind in diesem Zusammenhang die Erzählungen des Österreichers, die zu einer psychoanalytischen Analyse herausfordern, dazu zählen in erster Linie Amras, Der Kulterer, Ungenach, Gehen, Ja und Die Billigesser. Was Wolfgang Koeppen angeht, so sind all seine Romane Gegenstand der Analyse, das sind Eine unglückliche Liebe, Die Mauer schwankt, Aufzeichnungen aus einem Erdloch, Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom. Wie bei Bernhard fanden sich auch bei Koeppen in allen Romanen Figuren, deren Lebensläufe sowie psychische Kondition eine Analyse hinsichtlich des Aspekts Vaterlosigkeit ermöglichen. Darüber hinaus wurden auch seine Prosatexte berücksichtigt, d.h. Ein Heizer wird toll, Joans tausend Gesichter, Jugend, An mich selbst, Angst, Das klassische Italien, Die Verlobung, Taugte Frieda wirklich nichts?, Wer bereitet den Raben die Speisen und Zum ersten Mal in Rotterdam. Die Analyse hat erbracht, dass die Vaterlosigkeit in den Romanen und Erzählungen Bernhards und Koeppens als Thema zwar fast immer präsent ist, jedoch nicht unbedingt beim ersten Lesen ins Auge sticht. Das Interessante dabei ist, dass die Texte der beiden vaterlosen Autoren diverse Vatertypen erkennen lassen von anwesenden Vätern, die eigentlich abwesend sind. Die Untersuchung hat gezeigt, dass Vaterlosigkeit eher indirekt das große Thema in den Werken beider Schriftsteller ist. Die Vaterfiguren, die in Erscheinung treten, haben in fast allen Fällen als Eltern versagt. Damit die psycho-soziologische Deutung der literarischen Werke beider Autoren überhaupt zu belastbaren Ergebnissen führen konnte, bedurfte es eines grundlegenden Analysekonzepts. In diesem Fall wurde das Modell der drei Vaterfunktionen von Jacques Marie-Émile Lacan gewählt mit den Kategorien symbolischer, imaginärer und realer Vater. Diese von Lacan definierten Kategorien bilden die Grundlage der vorliegenden Analyse und haben es möglich gemacht, der spezifischen Charakterisierung der Väter im literarischen Werk beider Autoren Rahmen und Struktur zu geben, um so eine bestimmte Art und Weise des Handelns der Figuren zu deuten und zu verstehen. Die Analyse zeigt, dass bei einigen Protagonisten der Ödipuskomplex nicht verarbeitet wird, weil der Repräsentant der sozialen Ordnung, vor allem der symbolische Vater abwesend ist. Im literarischen Werk der Autoren lässt sich ablesen, dass es Folgen hat, wenn mit dem abwesenden Vater auch ein Gesetzgeber fehlt: bei Bernhard und Koeppen sind es Inzest, Verbrechen und sexueller Missbrauch. Eine weitere wichtige Erkenntnis, was die gleichen Folgen der Vaterlosigkeit betrifft, ist, dass auch der trotz physischer Anwesenheit abwesende Vater den Lebensweg des Kindes negativ bestimmt. Es sind Väter, die, überfordert mit der Erziehung, nicht wissen, wie sie ein guter Vater sein können, oder Väter, die die psychischen Bedürfnisse ihrer Kinder ignorieren und so für sie unerreichbar bleiben. Keine der Figuren beider Autoren hat eine glückliche Kindheit genießen können und der Grund dafür sind die Eltern. Auffällig bei Bernhard und Koeppen ist, dass sie die Väter in den Augen der Söhne meist als Versager erscheinen lassen, nur als selten werden Vaterfiguren positiv dargestellt. Dank der Studie Still-Leben mit Vater. Zur Abwesenheit von Vätern in der Familie von Michael Bode und Christian Wolf konnten die dargestellten Väter nach verschiedenen Typen kategorisiert werden. Bei Bernhard und Koeppen konnten vier von neun Vatertypen ermittelt werden: der Macher (keine aktive Anteilnahme an der Erziehung), der Star (abwesender Vater als Erfolgsmensch), der leere Vater (ausgebrannt, leidet unter Burn-out) sowie der geschonte Vater (überlässt die Elternarbeit der Mutter). Anhand dieser Vatertypen hat sich sichtbar zeigen lassen, dass unter den vielen Vaterfiguren, die bei beiden Schriftstellern auftreten, im Kern alle durch psychische Abwesenheit auffallen. Das lässt sich wahrscheinlich darauf zurückführen, dass sowohl Thomas Bernhard als auch Wolfgang Koeppen sich aufgrund ihrer vaterlosen Kindheit nicht in der Lage sahen und auch nicht gewillt waren, eine gesunde und erfüllte Vater Sohn Beziehung literarisch zu entwerfen und zu gestalten, da ihnen das Erleben einer solchen beglückenden Verbindung lebenslang verwehrt blieb. Auswirkungen der Vaterlosigkeit im Werk beider Autoren, die sich bei der Analyse herauskristallisiert haben und als thematische Schwerpunkte fassen lassen, sind das Gefühl der Vaterlosigkeit trotz Anwesenheit des Vaters, das zerstörte psychosoziale Wohlbefinden, die gestörte Beziehung zu Frauen und Kindern, der Inzest, der Vaterersatz als Rettung. Des Weiteren wären zu nennen der Drang zum Verbrecherischen, Abtreibungsversuche, Kompensation mittels künstlerischer Kreativität, der Tod des Vaters.

Słowa kluczowe PL
Wolfgang Koeppen
Thomas Bernhard
Ödipuskomplex
Vaterfunktionen
Sigmund Freud
Marie-Émile Lacan
Psychoanalyse
Vaterlosigkeit
Vaterentbehrung
Kompleks Edypa
rola ojca
Jacques-Marie-Émile Lacan
psychoanaliza
Brak ojca
Oedipus complex
father function
Sigmund Freud
psychoanalysis
Fatherlessness
Inny tytuł
Wpływ braku ojca na twórczość Wolfganga Koeppena i Thomasa Bernharda
The influence of fatherlessness on Wolfgang Koeppen's and Thomas Bernhard's oeuvre
Data obrony
2023-06-30
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